So.. Jan. 11th, 2026

Ich liege auf dem Sofa, nicht mal mehr in der Lage, mein Smartphone in die Hand zu nehmen und die vielen Benachrichtigungen zu checken, die den Tag über eingetroffen sind.
Mein Korb und zwei Stofftaschen liegen im Flur auf dem Boden. Ich habe sie gerade von der Schule mit nach Hause geschleppt und dort achtlos fallen lassen, bevor ich zur Toilette rannte. Die Taschen sind gefüllt mit Unterrichtsmaterial, Heften zur Korrektur, meinem Arbeitstablet (natürlich selbst bezahlt), Schulbüchern und anderem Kram. Eine schwerer als die andere. Auf dem Weg von der Toilette ins Wohnzimmer fiel ich fast über eine der Taschen, aber mir fehlte die Kraft, sie in mein Büro zu tragen, geschweige denn auszupacken.
Es ist etwa 16 Uhr und mein Magen knurrt. In den Pausen blieb keine Zeit zum Essen. Hofaufsicht in der ersten großen Pause, Support in der zweiten (das Smartboard einer Kollegin ging nicht, es waren Kabel falsch angeschlossen). Zwischen zwei Unterrichtsstunden unentwegt Tür- und Angelgespräche mit KollegInnen und SchülerInnen. Schnell noch nach dem Board in der 4b geschaut (kein Internet), bevor die Kinder nach der letzten Hofpause wieder in die Klasse stürmten. Dann ein telefonisches Elterngespräch, Emails und Tickets beantworten, ins Klassenbuch eintragen, einen Fragebogen ausfüllen. Das Geschirr der Kinder spülen (es hatten wieder einzelne keine Flasche oder Frühstück dabei). Austausch mit FamSchü, auf den letzten Drücker Kunstmaterial für den nächsten Tag zusammensuchen. Das rächte sich: nicht alles ist vorrätig, also werde ich selbst nochmal in die Stadt fahren und die fehlenden Dinge besorgen müssen. Ich beeilte mich, um noch schnell den Klassenraum aufräumen und meine Sachen einsammeln zu können, bevor die Kinder vom Mittagessen zurückkamen. In meinem Raum findet für gewöhnlich eine Lernzeit statt. Meine Tasse mit dem schon lange erkalteten Kaffee trank ich schnell aus. Wieso wegschütten? Kaffee ist wertvoll und immerhin Flüssigkeit. Wasser hatte ich an diesem Tag noch keinen einzigen Schluck getrunken. Ich hängte mir meine zwei Stofftaschen über (verdammt waren die schwer, das tat jetzt schon weh), schnappte mir meinen Korb und ging zum Lehrerzimmer. Das Klassenbuch verstaute ich datenschutzkonform und verwarf dann den Gang zur Toilette, obwohl ich dringend musste. Ich verspürte allerdings wenig Lust, mein Gepäck wieder abzustellen oder danach vielleicht noch jemanden zu treffen, der „nur kurz was fragen“ oder sagen wollte. Auf dem Weg zum Auto bemerkte ich, dass ich meine Jacke samt Schlüssel in der Klasse vergessen hatte. Ich ging also zurück zu meinem Klassenraum, in dem die Lernzeit gerade begonnen hatte. Sofort begrüßten mich die Kinder stürmisch, als hätten wir uns heute nicht schon mehrere Stunden am Stück gesehen, und bombardierten mich mit Fragen zu den Hausaufgaben. Noch war keine weitere Lehrkraft anwesend. Also stellte ich doch alles wieder auf dem Boden ab, half hier und da, beantwortete Fragen und ermutigte die Kinder zum selbstständigen Arbeiten. Nachdem die für die Lernzeit eingeteilt Lehrkraft mich abgelöst hatte (sie hatte noch ein Kind aus ihrer Klasse emotional begleiten müssen), verließ ich – nun mit Jacke und Schlüssel – endlich das Schulgebäude. Im Auto stellte ich das Radio aus. Ich liebe Musik, Podcasts und Hörbücher, aber jetzt sehnte ich mich einfach nur nach Ruhe und Stille.

Und nun liege ich hier. Im Kopf den Einkauf für den Kunstunterricht, den ich noch machen muss. Die Hefte zur Korrektur, die in der Tasche warten. Die Unterrichtsvorbereitung für den nächsten Tag, die ich dringend nochmal überarbeiten und anpassen muss. Das nächste Projekt, für das ich immer noch nichts geplant habe. Die beiden Förderpläne, die ich erstellen sollte. Mein Tanztraining in 2 Stunden, für das mir heute definitiv die Kraft fehlt.
Und eigentlich müsste ich kochen, etwas Gesundes. Und Wäsche waschen, staubsaugen, Geschirr spülen.
Stattdessen falle ich in ein Koma und wache erst gegen 18 Uhr mit Kopfschmerzen wieder auf. But who cares – die Arbeit wartet. Erst jetzt schaffe ich es, die Benachrichtigungen auf meinem Handy zu lesen, und ich merke, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Ich beantworte keine einzige Nachricht. Das kann warten.
Was ich jetzt dringend bräuchte, wäre eine kleine Auszeit nur für mich. Um meinen Akku aufzuladen. Aber dafür bleibt keine Zeit. Auch zum Kochen nicht. Ich wärme mir eine Tiefkühllasagne in der Mikrowelle auf und koche mir eine Tee. Den Rest des Abends verbringe ich in meinem Büro, dem größten Zimmer der Wohnung. Ich kann mich nicht fokussieren. Alles dauert länger, also es sollte. Und obwohl ich am Nachmittag etwa zwei Stunden geschlafen habe, falle ich um 22 Uhr völlig erschöpft ins Bett, schlafe sofort ein, und wache auch erst wieder auf, als der Wecker am nächsten Morgen kurz vor 6 klingelt. Um 7 Uhr sollte ich in der Schule sein, wenn ich vor dem Eintreffen der ersten SchülerInnen alles in Ruhe vorbereiten will. Beim Frühstück fällt mir siedend heiß ein, dass ich das fehlende Kunstmaterial nicht eingekauft habe. Ich werde also spontan umplanen und Kunst verschieben müssen. Ein perfekter Start in den Tag.

So oder so ähnlich sehen die Arbeitstage immer häufiger aus. Nicht für jede Lehrkraft. Aber für mich. Und sicher auch für viele andere. Und an einem dieser Tage liege ich auf dem Sofa. Erschöpft, mit leerem Akku, antriebslos. Mit der Energie geht auch meine Kreativität für den Unterricht, das Herzstück meiner Arbeit, Stück für Stück verloren. Am Ende leide nicht nur ich, sondern auch die Kinder. Und die KollegInnen unter meiner immer kürzer werdenden Zündschnur.
Und nicht zum ersten Mal in letzter Zeit frage ich mich:

Was wäre, wenn ich mich JENSEITS DER TAFEL umschaue?

Jenseits-der-Tafel